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Anti-Chauvi-Training auf Japanisch

Anti-Chauvi-Training auf japanisch


"Ich liebe dich" kommt den meisten noch nicht über die Lippen, aber "Danke schön" klappt schon: Immer mehr Japaner versuchen in Selbsthilfegruppen den richtigen Ton gegenüber der Ehefrau zu erlernen. Doch nicht Reue treibt die bekennenden "Chauvinistenschweine", sondern die hohe Scheidungsrate.

Von Martin Fritz, ARD-Hörfunkstudio Tokio

Am letzten Wochenende im Zentrum von Tokio: Zwei Dutzend Männer zwischen 40 und 60 im Anzug bekennen sich öffentlich zu drei Regeln für den Umgang mit ihren Frauen: Regel eins: "Habe keine Angst, Dich zu entschuldigen!", Regel zwei: "Sage immer Danke schön!", Regel drei: "Fürchte Dich nie davor, 'ich liebe Dich' zu sagen."

Späte Reue bekennender "Chauvinistenschweine"

Die Regeln wurden mit einem lachenden und einem weinenden Auge aufgestellt. Die Männer nennen sich selbstironisch "Teishu Kanpaku", "Chauvinistenschweine", weil sie ihre Ehefrau lange wie eine Magd oder Sklavin behandelten. Aber das wollen sie ändern, auch wenn es ihnen schwer fällt. "Entschuldigung" und "Danke" könne er inzwischen relativ einfach sagen, berichtet der 59-jährige Kazuyoshi Sato: "Aber der Satz 'ich liebe Dich? fällt mir sehr schwer, ich schäme mich dabei." Außerdem befürchtet Sato, seine Frau könne hinter seinen Wortübungen eine Geliebte vermuten. Als Vorübung probiert er deshalb "Du bist niedlich" zu sagen.

Fast alle Männer stoßen aus Angst vor einer Scheidung zu dem Verein: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Scheidungen bei den über 50-Jährigen in Japan mehr als verdoppelt. Meistens sagen die Frauen "Sayonara". Der 54-jährige Vereinsgründer Shuichi Amano berichtet: "Vor etwa sieben Jahren wurden meine Freunde einer nach dem anderen geschieden. Ich habe davon zuhause meiner Frau erzählt. Da hat sie mir gesagt: 'Du bist als nächster dran'."

Putzen, Müll wegbringen und keine Ansprüche stellen

Amano vergleicht diesen Moment bis heute mit einer Nahtod-Erfahrung. Plötzlich erkannte er sich selbst als Haustyrannen, der seine Frau nur herumkommandierte: "Bring mir ein Bier!", "Hol mir Essen!", "Lass mir ein Bad ein!" Seit jenem Moment strengt er sich zuhause an, bringt den Müll raus, putzt die Badewanne, geht mit seiner Frau Essen. Dadurch sei das Lachen in seine Familie zurückgekehrt, berichtet Amano: "Ich kann heute sogar mit meiner Frau Hand in Hand spazieren gehen." Und er hat einen guten Tipp für alle, die es ihm nachtun wollen: "Wichtig ist, dass der Ehemann sich ändert, ohne von der Frau zu verlangen, dass auch sie sich ändern soll. Sonst wird er kein Lächeln bekommen."

Über 250 ehemalige Chauvis haben sich inzwischen japanweit in seinem Verein zusammengeschlossen. Bei ihren Treffen sprechen sie über Wege, das Herz ihrer Frau zurückzuerobern. Ein guter Ehemann muss zehn Stufen meistern. Stufe eins bedeutet, seine Frau nach drei Jahren Ehe noch zu lieben. Stufe vier, "Ladies first" zu praktizieren. Stufe sechs, seiner Frau gut zuzuhören. Stufe sieben, ein Problem mit der Schwiegermutter innerhalb eines Tages zu beseitigen.

"Ich habe meine Scheidung abgewendet"

Kazuya Washizaki hat erst Stufe zwei erreicht, das heißt, er hilft im Haushalt mit. "Als Ehemann musste ich zunächst anerkennen, dass die Frau sich nach ihrem Maßstab Mühe gibt", erzählt der 43-Jährige, "danach habe ich gesehen, dass andere Frauen nicht besser sind als meine. Das beruhigte mich." Yoshimichi Itabashi, ein 66-jähriger Unternehmer, hat bereits Stufe neun erklettert: Er kann sich ohne Angst bei seiner Frau entschuldigen: "Seitdem ich im Verein der Chauvi-Männer bin, spreche ich mehr mit ihr, höre auf sie und unternehme etwas mit ihr. Dadurch habe ich es geschafft, die Scheidung abzuwenden."

Vereinsgründer Amano spricht von Millionen potenzieller Mitglieder: "99 Prozent der Männer sollten sich anstrengen, ihrer Frau Freude zu bereiten und ihr Gesicht zum Strahlen zu bringen. Aber sie müssen auch mal führen können. Diese Balance ist wichtig. Doch die heutigen japanischen Männer sind entweder Schwächlinge oder Machos."

Die Hürden für besserungswillige Chauvis liegen in Japan besonders hoch. Anders als Europäern fällt japanischen Männern ein Liebesgeständnis schwer. Deshalb hat bisher noch kein Vereinsmitglied die zehnte Stufe erreicht - nämlich seine Liebe zu bekennen, ohne dabei rot zu werden.

Letzte Änderung am: 13.09.2006, 19.41 Uhr
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